Montag, 13. Februar 2012

Joven & Alocada


© Berlinale/ Regie: Marialy Rivas
Obwohl Joyen & Alocada in der Sektion Generation 14+ läuft, wird der Film erst ab einem Alter von 16 Jahren empfohlen. Zu explizit sei die Darstellung von Sexualität, so die Erklärung. In der Tat nimmt Filmemacherin Marialy Rivas hier kein Blatt vor den Mund bzw. die Linse. Ihre Hauptfigur Daniela (Alicia Rodríguez) kommt zwar aus einem streng evangelikalen Elternhaus, doch das hindert sie nicht daran, einem pubertären Drang nach sexueller Selbstentfaltung nachzugehen. Ihre Abenteuer hält sie auf einem Blog fest, in dem sie durchaus auch den einen oder anderen Zweifel in Bezug auf ihre Religionszugehörigkeit artikuliert. Die Situation spitzt sich zu, als Daniela sowohl eine Beziehung zu ihrem sehr frommen Kollegen Tomás (Felipe Pinto) als auch zu ihrer lesbischen Kollegin Antonia (María Gracia Omegna) eingeht. In ihr wächst das Bedürfnis, sich durch den Akt der Taufe von ihren Sünden reinzuwaschen.

Was in Joven & Alocada auf der inhaltlichen Ebene passiert, geschieht auch auf der visuellen. Die Elemente der Jugendkultur – Internet, Blogs, Facebook, MSN, Comics, Videoclips – finden Eingang in den Stil des Films. So werden die Kommentatoren auf Danielas Blog stets wie durch eine Webcam vor ihrem PC sitzend gezeigt. Der Film ist strukturiert durch die Überschriften von Danielas Blogeintrag – allesamt Bibelzitate, einige dem Inhalt des Films entsprechend variiert. Teilweise ergänzen animierte, Comic-ähnliche Sequenzen die Spielfilmhandlung.  In diesem chaotische Potpurri, das die Welt eines pubertierenden Teenagers auf verschiedenen Ebenen widerspiegelt, wirkt Daniela verloren, orientierungslos, auf der Suche nach sich selbst. Dabei sind ihre Ansprechpartner – wie sie selbst an einer Stelle aufzählt – Paulus, Mutter, Gott, Blogger. Auch hier werden die Vielfältigkeit der Einflüsse deutlich, der sich Daniela und im Grund eine ganze Generation ausgesetzt sieht und zwischen denen entschieden bzw. Prioritäten gesetzt werden müssen.

Sicher ist Danielas religiöser Hintergrund speziell, doch immer wieder entsteht für mich die Frage, ob es die Thematik der Religion in diesem Film wirklich braucht, oder ob es nicht im Grunde um die allgemeine pubertäre Orientierungslosigkeit geht, die in jedem kulturellen Kontext stehen könnte. Da Religion hier nichts ist, was ernsthaft verhandelt wird – positive Aspekte werden vollkommen ausgeblendet – hätte es dem Film in meinen Augen geholfen, wenn er auf diesen etwas zu plakativen Hintergrund verzichtet hätte. Da Joven & Alocada uns aber weißmachen will, dass er eine wahre Geschichte erzähle, können wir dies Marialy Rivas nur schwerlich ankreiden. 

Daniela versucht im Laufe des Films herauszufinden, welchen Moralkodex sie ihrem Leben zu Grunde legen möchte: Den streng religiösen und konservativen der Mutter, den freier interpretierten, aber evangelikal unterfütterten der geliebten Tante oder einen liberalen, von der Popkultur diktierten Moralkodex, dessen dominantes Merkmal die Abwesenheit von Regeln zu sein scheint. Zu ihrem Schrecken muss sie schließlich erfahren, dass sie in ihrem Streben sich von der strengen Mutter zu emanzipieren, ihre eigenen moralischen Vorstellungen eine nach der anderen über Bord geworfen hat. Vor diesem Hintergrund steht auch ihre Sehnsucht, sich durch die Taufe von ihren Sünden reinzuwaschen – ein Vorhaben, das fataler Weise scheitert.

Am Ende ist Daniela genauso verloren wie am Anfang und dennoch entsteht keine Tragik. Vielmehr erweckt sie den Eindruck, als habe sie in der Orientierungslosigkeit den Wert der Freiheit entdeckt, den Möglichkeitsraum, der durch die Abwesenheit des Dogmas entsteht. 

Joven & Alocado ist vermutlich wirklich für Augen ab 16 gedacht. Das begründe ich persönlich aber nicht mit dem Anblick erigierter Penisse, sondern mit der Abwesenheit einer klaren moralischen Botschaft. Das Verständnis des Films erfordert eine Menge Reflektion, die einem Erwachsenen ohne Frage leichter fällt als einem Kind. Ob ich erwachsen genug bin, um den Film richtig zu verstehen, bleibt jedoch eine offene Frage. 



Kommentare:

  1. Danke für den aufschlußreichen und ausgewogenen Artikel, ich lese deine Beiträge sehr gerne. Weiter so! Eine kurze Anmerkung lediglich: soweit mir bekannt, dient die Taufe nach evangelikalem Verständnis nicht dazu, um sich von seinen Sünden reinzuwaschen sondern stellt eher einen symbolischen Akt dar. Durch das Unter- und Wiederauftauchen stellt der Täufling eine innere Veränderung nach außen dar: sein altes Ich ist verschwunden, das neue taucht auf. Der Vorgang bezieht sich - symbolisch natürlich - auf den Kreuzestod und die Wiederauferstehung des Christus.

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  2. Danke für diese Ergänzung. Ich habe es in diesem konkreten Film so empfunden, dass sich die Hauptfigur durch die Taufe von ihrem alten, sündhaften Leben verabschieden und einen Neubeginn wagen will. Insofern ist der Moment der Taufe auch der, in dem sie sich ihrer Sünden entledigen kann. Aber wie gesagt, das ist nur meine Interpretation.

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  3. Nett geschrieben, aber ich wundere mich doch ein bisschen über diese Betonung der Taufe und der Begründung, dass der Film aufgrund des Fehlens einer moralischen Botschaft, schwierig zu reflektieren sei. Ich fand den Film sehr erfrischend, in Thematik wie Machart. Gerade für der Zugänglichkeit aller möglichen sexuellen Reize und Sektierereien, via Internet oder dem Alltag rundherum, die ja in der Tat exsistieren, zeigte er unerschrocken eine 'education sentimentale' im Heute. Und zur moralischen Botschaft: sollte er Bi-sein verurteilen? Die pubertäre Suche nach Identität war schon immer selbstbezogen und ist dies ja auch notwendigerweise, wie wir alle wissen. Und an der Akteurin Daniela geht dies ja auch nicht spurlos vorbei ... und der Hinweis auf die Enstehung des Möglichkeitsraumes, der durch das Ausbrechen Daniela's aus dem Dogma entsteht, wäre ein wunderbares Ende dieser Besprechung gewesen. Ein moralischer Zeigefinger ist hier nun wirklich nicht angebracht.

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